Da schau her 0002 – Zugabteil

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Von Steinen unterscheiden wir uns Menschen in vielerlei Hinsicht; in mancher sind wir ihnen ähnlich. Damit wir uns in immer wechselnden Situationen zurecht finden können, brauchen wir ein gewisses Mass an Anpassungsfähigkeit. Bei Steinen sieht das anders aus; und doch haben sie uns in manchen Belangen etwas voraus.

Da mit dem Vorgang der Anpassung auch eine Anstrengung verbunden ist, mögen wir Situationen, in denen wir zur Anpassung gezwungen werden, in der Regel nicht besonders. Viel lieber ist es uns, wenn wir selber bestimmen können, wo und wie sehr wir uns zu bewegen haben.

Öffentliche Verkehrsmittel bieten ein gutes Beobachtungsfeld für menschliches Verhalten. Im Unterschied zu individuellen Fortbewegungsmitteln, wie Auto oder Fahrrad, nimmt man bei der Nutzung von öffentlichen gewisse Einschränkungen in Kauf. Dafür verspricht man sich einige Vorteile – nicht im Stau stecken bleiben, kein schlechtes Gewissen in Bezug auf Umweltverschmutzung haben, um nur einige zu nennen. Diese sollen die Nachteile zumindest aufwiegen.

Neben dem verminderten Mass an Flexibilität, das sich aus dem vorbestimmten Fahrplan von Zügen, Bussen, und so weiter ergibt, stellt die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel besonders eine Forderung an uns: Die Bereitschaft, vorhandenen Raum mit anderen zu teilen. Mit dem Fahrplan mag man sich irgendwann zurecht gefunden haben; auch mit den Fahrkosten. Handelt es sich doch bei diesen Dingen um mehr oder weniger vorhersehbare Grössen.

Nicht so sieht es mit der Ungewissheit darüber aus, wie viele andere Personen mit uns zusammen den selben Zug besteigen werden. Einmal abgesehen von Pendlern, die regelmässig die selbe Strecke befahren und mit der Zeit wissen, was auf sie wartet, müssen die meisten Gelegenheitsnutzer mit allem rechnen: Sowohl mit gähnend leeren als auch mit brechend vollen Sitzreihen.

In beiden Fällen stellt sich uns eine Vielzahl von Fragen. Auf welcher Seite scheint die Sonne und brennt uns das Hirn weg, zieht es gleich beim Eingang oder wird einem schlecht, wenn man rückwärts fährt, wären etwa Fragen, wenn man zu den ersten gehört, die einen Wagen betreten. Hat man erst die Wahl getroffen, werden – Hunden gleich, die ihr Territorium markieren – verschiedene Utensilien ausgestreut. Man will zeigen, dass man als erster gekommen ist und damit am Platz automatisch am meisten Rechte besitzt. Nirgends steht geschrieben, dass es sich so verhält. Wenn neue Fahrgäste in den Zug strömen, verhält man sich aber genau so. Nur widerwillig räumt man die Tasche vom Sitz nebenan weg, um anderen Platz zu machen. Der eigene Raum wird nicht kampflos freigegeben.

Spannend wird es, wenn nun wiederum eine weitere Person hinzustösst. Der zuvor nur mürrisch akzeptierte Eindringling wird mit einem Mal zum Verbündeten. Denn mittlerweile hat man ihn etwas beobachtet, beschnuppert und gesehen, dass er sich gesittet verhält und ihn damit akzeptiert. Nicht so der neue Anwärter. Der hat nun die Rolle des Eindringlings, und das neugewonnene Wir-Gefühl, das man mit dem schon akzeptierten Nachbarn teilt, verstärkt den Eindruck nur, dass einer unseren Raum stehlen will. Wieder wird der Raum enger. Und wieder ist unsere Anpassungsfähigkeit gefordert.

Aus der Sichtweise einer Person, die einen bereits schon gut gefüllten Zug betritt, präsentiert sich die Situation ganz anders. Für sie geht es darum überhaupt einen Platz zu ergattern, ohne dabei zu viele Zugeständnisse machen müssen. Die genannten Faktoren Sonne, Luft und Fahrtrichtung werden zwar noch in die Beurteilung möglicher Sitzplätze mit einbezogen; sie sind aber zweitrangig. Viel wichtiger ist es abzuschätzen, wer als möglicher Nachbar akzeptabel sein könnte. Neben Geschlecht gilt es Attribute wie Attraktivität, Sauberkeit oder Alter zu bewerten. Innerhalb weniger Sekunden muss diese Selektion erfolgen. Wartet man zu lange, dann fällt es auf. Und damit würde man zu sehr zeigen, dass es einem wichtig ist, mit wem man die Sitzbank teilt; etwas, das man eigentlich vermeiden möchte.

Nicht alle zeigen ein solches Verhalten. Nicht immer ist Attraktivität das, was man sucht. Der frisch verheiratete Mann etwa möchte lieber bei einem anderen Mann sitzen, um eine mögliche weibliche Sitznachbarin nicht mit der eigenen Frau vergleichen zu müssen. Am Ende würde sich noch herausstellen, dass man mit der Wahl, die man bei der Heirat getroffen hat, die falsche gefällt hat. Oder die Frau, die sich nicht zu einer anderen setzen möchte, weil sie diese mit ihrem perfekten Körper an die eigenen Problemzonen erinnern könnte.

Das sind aber alles nur Nebenschauplätze. Auf der Hauptbühne spielt das Theaterstück mit dem Titel «mein Raum, dein Raum». Das Zugabteil wird zur Bühne, zum Kampfplatz oder zur Bewährungsprobe. Wem das alles zu kompliziert ist, kann sich den Stein in Erinnerung rufen: Dem ist es egal, ob man sich neben oder sogar auf ihn setzt.

1 Antwort to “Da schau her 0002 – Zugabteil”


  1. 1 Da schau her 0006 - Trennung at taxipluto

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