Das halten Journalisten von Web 2.0

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Wenn etwas Neues auf den Markt kommt, stellt sich immer die gleiche Frage: Mitmachen oder warten, bis sich der Trend wieder auflöst. Fast kein anderer Begriff hat in letzter Zeit die Diskussionen in und rund ums Internet so beherrscht, wie Web 2.0. Das sollte auch Journalisten, die vorwiegend angestammte Printmedien bedienen, nicht kalt lassen - sollte man zumindest meinen.

Dass dem nicht in allen Bereichen so ist, hat eine Studie mit dem Titel «media studie 2007» der dpa-Tochter news aktuell aufgedeckt. Die Studie hat sich der Frage angenommen, «Was Journalisten von den aktuellen Trends im Internet halten und wie sie die Zukunft der Medien sehen.» Die Auswertung der rund 1200 befragten Journalisten fördert teilweise Erstaunliches zu Tage.

Begriff Web 2.0
Im Begriff Web 2.0 sehen die meisten die logische Fortentwicklung des Webs (25%), ist für sie einfach Kommunikation (20%) oder sie finden gar, dass es sich dabei um einen überschätzten Hype (11%) handelt. Nur 1% der Befragten halten das Ganze für eine Revolution. Dass alleine schon der Begriff Web 2.0 für teilweise heisse Köpfe sorgt, ist nichts Neues. Wie wenig Beachtung aber von Journalistenseite dem Ganzen entgegengebracht wird, ist schon erschreckend.

Relevanz
Und auch die Antworten auf die nächste Frage lassen aufhorchen. Darauf, welche Relevanz Web 2.0-Angebote für die journalistische Arbeit hat, antworten mehr als die Hälfte, nur eine geringe (52%), oder gar keine (9%); nur für ein Viertel eine hohe (25%). Lässt sich daraus schliessen, dass Journalisten die meinungsmachende Rolle von Blogs unterschätzen? Eine aktive Teilnahme schliessen die meisten zumindest aus. Nur eine geringe Zahl schreibt selbst einen Blog (12%) oder hinterlässt Kommentare (13%). Blogs sind in den Köpfen von Journalisten noch nicht angekommen.

Glaubwürdigkeit
Wenn es um die Glaubwürdigkeit von Blogs geht, haben die Journalisten eine fast narzisstische Einstellung. Denn der Autor des jeweiligen Blogs selbst ist für sie Garant für eine hohe Glaubwürdigkeit (36%). Ein Viertel denkt, dass es der Initiator (Firma, Organisationen, Gruppen) ausmacht und immerhin 7% denken, dass Blogs grundsätzlich eine unglaubwürdige Informationsquelle sind.

Einfluss auf journalistischen Alltag
Auch in der täglichen Arbeit führen Web 2.0-Angebote wie Blogs oder Podcasts noch ein Nischendasein. Nicht einmal die Hälfte (44%) lässt sich von Blogs zur Themenfindung inspirieren. Nur etwa 5% tun es. Die niedrige Anzahl, die Blogs (3% häufig, 15% gelegentlich) und Podcasts als journalistische Quelle nutzt (1% häufig, 8% gelegentlich) deckt sich wiederum mit der geringen Relevanz, die Journalisten diesen Medien zuschreiben.

Chancen und Risiken
In der Vielfalt der Meinungen (27%) und Informationen (15%) aber auch in der Ideenfindung (18%) sehen die meisten eine Chance bei der Nutzung für die redaktionelle Arbeit. Demgegenüber werden - nicht ohne Grund - verschiedene Risiken genannt. Jeweils etwas mehr als ein Viertel kritisiert die mangelnde Glaubwürdigkeit (27%) und fehlende journalistische Standards (26%). Da hat das Blogwesen tatsächlich noch Aufholbedarf. Andererseits macht gerade die unvoreingenommene und frische Art zu schreiben vieler Autoren die Stärke von Blogs aus.

Zukunftsperspektiven
Zum Schluss hatten die Journalisten noch Fragen über die Zukunft der Printmedien zu beantworten. Nur ein Viertel aller denkt, dass News in zehn Jahren hauptsächlich online angeboten werden, währendem knapp die Hälfte (46%) denkt, dass sich gegenüber heute nicht viel ändern wird und vorwiegend Printversionen genutzt werden. Viel mehr Kopfzerbrechen bereitet ihnen die Frage, wie gut Medienunternehmen für die digitale Zukunft gerüstet sind. Etwas mehr als die Hälfte (53%) denkt, dass sie mässig gut und nur knapp ein Viertel (24%), dass sie gut vorbereitet sind.

Der Frage, wie sich Printmedien im Vergleich zu Onlineangeboten entwickeln werden, haben sich schon verschiedene Autoren angenommen (z.B. Online gegen Print, Medien und Märkte, Band 12, ISBN-10: 3-89669-443-X oder Medienwandel, Von der Printzeitschrift zum Online-Magazin, ISBN-10: 3-8364-1613-1). Klar ist, dass das einfache Verpflanzen der Inhalte aus Printversionen ins Internet nicht zum Erfolg führt. Der Onlinekonsum funktioniert nach ganz anderen Gesetzen und stellt besondere Ansprüche.

Fazit
Der Nachholbedarf von Journalisten ist beträchtlich, wenn es um das Thema Web 2.0 geht. Viele klammern sich noch an alten Strukturen fest, die im Internet nur eine untergeordnete Rolle spielen. Andererseits ist die Skepsis in einigen Bereichen durchaus berechtigt. Bei den Punkten Qualität, Vertrauenswürdigkeit und Standardisierung haben Blog-Autoren ihr Angebot mit geeigneten Massnahmen noch nachzubessern.

(Datenbasis der Umfrage: Die dpa-Tochter news aktuell wertete für die Studie «2.0 und dann? Journalismus im Wandel» die Antworten von insgesamt 1.195 Journalisten aus. 59 Prozent aller Teilnehmer sind im Printbereich tätig, 19 Prozent bei einem Onlinemedium. 21 Prozent arbeiten für Hörfunk, Fernsehen oder sonstige Medien. Zwei Drittel der Teilnehmer sind männlich. Das Alter der Befragten liegt zu mehr als zwei Dritteln zwischen 30 und 50 Jahren. Die Onlinebefragung fand im Mai 2007 statt.)

4 Antworten to “Das halten Journalisten von Web 2.0”


  1. 1 Goggi

    Das Fazit lautet eher:

    Wie schon beim Telefon, brauchen Medien dieser Art lange bis sie sich zu einem “Standard” etablieren können. Skype mag ja toll sein, aber warum soll ich mir das anschaffen, wo Mutter das eh nicht hat. Und
    Der Nachteil gegenüber der Erfindung des Telefons iat, dass man heute in einer Produktsparte von mehreren Angeboten auswählen kann. Das Durcheinander bei DVD/+ und DVD/-, blueray oder doch ein anderes System ist genau so ein Beispiel, wie die 100 verschiedenen Angebote bei Handy-Anbietern.
    Ähnlich verhält es sich mit der Vielfalt. bei 72 Millionen Blogs und fast einer Milliarde Webseiten weltweit wird das Finden der gewünschten Inhalts nicht leicht und bei Google finden sich nicht die besten Angebote, sondern jene derer, die sich mit dem Erhöhen des Pagerankings auskennen.
    Es bleibt der Schluss, dass die Zeitung in der Hand einem dann schon sagt, wenn man etwas unbedingt wissen muss. Und wenn es einen interessiert, ist da noch das Netz.

    (das blog ich bei mir auch noch :-) )

  2. 2 TaxiOne

    Hallo Goggi, Danke für deinen Kommentar. Er bezieht sich auf verschiedene Bereiche, die hier auch interessant sind aber in der Studie nur am Rand angesprochen werden. Das zeigt, wie komplex und vielseitig das Thema ist.

    Der eine Aspekt ist der grundsätzliche Zugang zu neuen Technologien im Allgemeinen und hier zum Internet - respektive zu Inhalten, die einen schnellen Breitband-Zugang benötigen - im Besonderen. Diese Frage hat die Studie «Web 2.0 und digital divide» eingehend untersucht. Siehe dazu die Website von Gerhard W. Loub.

    Eine andere Sache ist die Selektion relevanter Informationen. Und natürlich nutzen wir alle gerne Zeitungen, weil wir aus der Flut der Gesamtheit vorhandener Agenturmeldungen nur diejenigen lesen wollen, die eine gewisse Wichtigkeit versprechen. Da sind wir froh, wenn Zeitungen und Zeitschriften eine Auswahl treffen. Welche Wahl diese treffen, prägt wesentlich den Charakter des Endprodukts; daher entscheiden wir uns entweder für die NZZ oder doch lieber für den Tagesanzeiger. Aber genauso verhält es sich auch bei Blogs. Wir entscheiden uns dafür den einen zu lesen und den anderen beiseite zu lassen.

    In der Studie von news aktuell geht es darum, welche Meinung Journalisten von den Entwicklungen rund um Web 2.0 haben. Und die zeigt eindeutig auf, dass Journalisten in gewissen Bereichen noch Nachholbedarf haben.

  3. 3 rafael

    Das ist wirklich ziemlich krass, denn ob Reolution oder nicht ist nicht die entscheidende Frage, sondern die unglaubliche Partizipation der BürgerInnen. Darum ist die Relevanz meiner Meinung sehr hoch. Die JournalistInnen sollten den Trend ernster nehmen und auch ihre eigene Arbeit stärker hinterfragen, denn das Kopieren und frisieren von Berichten der News-Agenturen wie DPA oder Reuters kann ja nicht der Sinn der Sache sein. Ich sehe ich sehe im web 2.0 eine grosse Chance, für die Mehrheit mitzumachen und selber hochwertigen content zu generieren.

  4. 4 TaxiOne

    Vermutlich schwingt da auch eine gehörige Portion Angst bei den Journalisten mit. Vielleicht denken sie, dass die Blog-Szene zur Konkurrenz werden könnte. Ähnlich wie bei den Bildagenturen, die durch flickr und Co. mit Umsatzeinbussen kämpfen. Ich denke jedoch, dass sich professionelle und gute Inhalte längerfristig durchsetzen werden - egal von wem sie stammen.

    Ironischerweise fördern aber auch Onlineangebote wie die von 20minuten den Trend, von Lesern generierte Inhalte zu veröffentlichen, indem sie «mobile Reporter» losschicken.

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