

Jede Gesellschaft hat ihre Eigenheiten. Besonders auffallend ist der Umgang der japanischen Kultur mit gesellschaftlicher Stellung und Höflichkeit. Welche Beziehung zwischen Menschen besteht, kommt unter anderem darin zum Ausdruck, wie diese miteinander kommunizieren und welche Worte sie dabei wählen.
Frage ohne Antwort
Da ich mir nicht anmassen möchte, ein Experte in den Verhaltensweisen der japanischen Kultur zu sein, will ich nur ein einfaches, mir bekanntes Beispiel heranziehen. Kürzlich hatten wir das Vergnügen, von unserer Japanisch-Lehrerin zum Essen eingeladen zu werden. Bei ihr zuhause wurde vom amerikanisch-stämmigen Ehemann beim Essen in die Runde gefragt, ob es uns nicht seltsam anmuten würde, dass wir unsere Lehrerin nicht duzen dürften.
Obwohl wir mittlerweile ein Verhältnis untereinander pflegen, das man durchaus als herzlich bezeichnen darf, wird es zwischen Lehrerin und Schüler nie ein Du geben. In unseren Breitengraden hätten wir uns wohl beim ersten Trinkspruch das Du angeboten. Ganz anders in Japan, wo so etwas nicht denkbar wäre. Ob es der Sake, das feine Essen, das bereits schon in unseren Mägen Platz gefunden hatte, oder doch blankes Unverständnis war, weshalb die Antworten auf die Frage des Ehemanns nur spärlich unseren Kehlen entstiegen, kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen. Wohl war von allem etwas vorhanden.
Zu den Feinheiten japanischer Konversation ist zu sagen, dass es, einfach gesagt, ein Du und ein Sie gibt. Das haben wir mit den Japanern gemein. Dazu kommt aber bei ihnen noch eine Fülle von Abstufungen, die den Raum zwischen dem Du und dem Sie ausfüllen. Sie alle werden je nach gesellschaftlicher oder familiärer Stellung entsprechend gewählt.
Überlebenswichtig
Diese Eigenheiten haben mich zu grundsätzlichen Überlegungen zum Thema Höflichkeit, und wie diese zum Ausdruck kommt, geführt. Höflichkeit hat etwas mit Wertschätzung zu tun. Mit Gesten und Worten können wir diese vermitteln. Um den Wert einer anderen Person zu erkennen, müssen wir uns überlegen, in welcher Beziehung wir zu ihnen stehen.
Bei unseren Eltern beispielsweise ist dieses Verhältnis offensichtlich. Ohne sie gäbe es uns nicht und wir würden die ersten Jahre unseres Lebens kaum überstehen. Sie bringen uns grundlegende Dinge bei wie sprechen, essen oder unsere Schnürsenkel zu binden. Würde man in einer Kalkulation Aufwand und Ertrag aus der Beziehung zu unseren Eltern ermitteln, würde wohl ein grosser Überschuss auf Seiten unserer Eltern übrig bleiben. Natürlich gibt es auch andere, weniger fürsorgliche Beispiele. In der Regel ist es jedoch so, dass wir ihnen letztlich viel verdanken. Ihnen gegenüber respektlos zu sein, wäre ein Herabsetzen all des Nutzens, den wir durch sie erfahren haben. Wir müssen ihnen gegenüber ganz einfach respektvoll und dankbar sein.
Ausbildung
Ähnlich verhält es sich mit denen, die uns in der Schule etwas beibringen. Mit Geduld und Beharrlichkeit legen uns die Lehrer die Mittel in die Hände, mit deren Hilfe wir später in Leben und Beruf bestehen können. Man könnte entgegnen, dass das ja das ist, wofür sie Geld bekommen. Das ist aber nicht der Punkt. Hätten sie selber nicht den Entschluss gefasst, Lehrer zu werden, die Ausbildung abzuschliessen und schliesslich vor die Klasse zu treten, hätten wir niemanden, der uns die Dinge beibringt, auf die wir angewiesen sind. Ihnen gegenüber unhöflich zu sein mag zwar die Klassenkameraden beeindrucken. Es ist jedoch wiederum ein überaus oberflächliches Verhalten, das den tatsächlichen Wert der Beziehung herabsetzt.
Respektlosigkeit ist wie, wenn man den Zug missachten würde, mit dessen Hilfe man von einer Stadt zur anderen gelangt. Nach Abschluss der Reise hat der Zug zwar seinen Zweck erfüllt; dennoch verliert er dadurch nicht seinen Wert oder wird überflüssig.
Zusammenleben
Die Beispiele von unseren Eltern und Lehrern sind offensichtlich Fälle, in denen wir von anderen direkt profitieren. Aber auch in weniger offensichtlichen Fällen bin ich dafür, einen respektvollen Umgang miteinander zu pflegen, denn am Ende weiss man nie, in welcher Beziehung man einmal zu der einem noch unbekannten Person auf der anderen Strassenseite stehen wird.
Wenn man die Dinge so sieht, wird klar, dass Höflichkeit und Respekt unabhängig von kulturellen oder historischen Hintergründen ihre Gültigkeit haben. Sie bringen gegenseitige Achtung zum Ausdruck und sind Grundlage für einen harmonischen Umgang miteinander. Das alles mag antiquiert klingen. Es ändert jedoch nichts daran, dass etwas mehr Respekt in den Klassen oder Zuhause das Zusammenleben verbessern würden.
1 Antwort to “Da schau her 0003 - Höflichkeit”