


Neulich war ich wandern. Meine Begleitung hatte bei dieser Gelegenheit an einem Gebirgsbach mit einem freudigen Aufschrei die Schuhe fallen gelassen und sich wagemutig in die Fluten gestürzt (der Bach war nicht mehr als ein Rinnsal). Ich habe es ihr gleichgetan und sobald meine Füsse gespürt, wie lange nicht mehr - das Wasser war verdammt kalt! Anschliessend haben wir es uns am Gewässer gemütlich gemacht. Kleine Libellen haben ihre Runden gezogen und wir eine kleine Zwischenmahlzeit zu uns genommen.
Der Bach selber war nicht weit vom Wanderweg entfernt und unser Rastplätzchen wäre an sich leicht zu entdecken gewesen. Dennoch hat nicht einer der vorbei ziehenden Wandervögel zu uns herübergesehen. Wir waren unsichtbar, in eine andere Welt entrückt, für andere schlicht nicht mehr existent. Vermutlich hätten wir uns auch der restlichen Kleider entledigen können, ohne, dass andere davon Notiz genommen hätten. Das haben wir aber sein lassen.
Eigene Welt
Jeder lebt in seiner eigenen Welt. Nicht immer tritt das so zutage, wie im genannten Beispiel. Selbst dort, wo wir in engstem Kontakt mit anderen stehen, von mir aus in einem Fussballstadion, das mit tausenden Leuten gepflastert ist, bewegen wir uns in unserer eigenen, kleinen Welt. Und die besteht aus eigenen Wertvorstellungen, Vorlieben, Schutzmechanismen, usw.
Horizont erweitern
Manche reden davon, dass sie «ihren Horizont von Zeit zu Zeit erweitern wollen». Dann unternehmen sie zum Beispiel irgendwelche verrückten Abenteuerreisen, kraxeln auf einen Berg, um sich anschliessend in die Tiefe stürzen zu lassen - am Seil, am Fallschirm oder im oder auf dem Wasser; Möglichkeiten gibt es unzählige. Oder sie nehmen an einem Kurs für Selbsterfahrung oder Meditation teil. Andere wiederum rauchen, spritzen oder schlucken «Bewusstseinserweiternde Substanzen».
Was haben alle diese Aktivitäten gemein? Sie alle bedeuten eine Konfrontation mit den bisher fest abgesteckten Grenzen seines eigenen Daseins. Diese Grenzen werden körperlich und geistig wahrgenommen. Die körperlichen wiederum vom Geist erfahren. Es ist einfacher, gewohntes Terrain in Verbindung mit körperlichen Aktivitäten zu verlassen. Daher die mehr oder weniger wilden körperlichen Handlungen. Sie sind quasi die Initialzündungen für das geistige Erleben.
Gewohnheiten
Es gibt aber auch moderatere Wege, seine Grenzen zu erkennen und auszudehnen. Wer den Mechanismus etwas genauer untersucht, wird erkennen, dass es sich um einen Gewöhnungsprozess handelt. Das, woran wir gewohnt sind, ist uns vertraut. Wir haben beispielsweise - um nicht ein allzu extremes Beispiel zu wählen - die Gewohnheit, uns am Ende der allmorgendlichen Dusche immer noch kurz kalt abzuduschen. Vielleicht hat uns mal irgendwer gesagt, dass das gut für unser Abwehrsystem ist oder sonst irgendwas. Am Anfang war der kalte Schub unangenehm. Mit der Zeit jedoch haben wir es in unseren täglichen Reinigungsplan aufgenommen. Und so ist es gekommen, dass wir den Hebel ohne zu zögern am Ende jeweils auf Kalt stellen und keinen Gedanken mehr daran verschwenden, ob wir das nun tun wollen oder nicht. Unsere Welt hat sich um die Handlung «am Ende kalt Duschen» erweitert.
Damit eine solche Erweiterung geschehen kann, braucht es ein gewisses Mass an Bereitschaft. Und wir müssen uns einen bestimmten Nutzen davon versprechen können. Nicht immer, aber meist, bedeutet das Hinzufügen eines neuen Aspekts zu unserem Leben Arbeit. Bei eher körperlichen Handlungen das Einstudieren von Automatismen; Auto- oder Fahrradfahren lernen wären gute Beispiele dafür. Sprachen lernen sich durch geistige Anstrengung.
Interaktion
Soweit die Dinge, die sich eher auf der individuellen Eben abspielen. Nicht viel anders verhält es sich dort, wo wir in Interaktion mit anderen Menschen treten. Dort prallen die eigene Welt und die des Gegenüber aufeinander. Meine Ansichten, Wünsche, Phobien, Ängste, Ansprüche, usw. treten im Kontakt mit dem Anderen zutage. Kurz, mein Gewohnheitsberg trifft auf den des Anderen.
Gerade im Umgang mit anderen laueren viele Fallstricke. Einer davon ist die Überzeugung, dass wir den anderen erfassen können, wie er tatsächlich ist. Wir sehen, dass jemand beispielsweise Fussball spielt, gerne Kuchen isst, Frauen, mit blauen Augen mag und es nicht ausstehen kann, wenn man ihn kritisiert. Aufgrund solcher Einzelteile setzen wir uns ein Bild der Person zusammen und legen sie in eine irgendwann zurechtgezimmerte Schublade. Dieses Bild ist einerseits sehr beschränkt und nimmt andererseits alles durch die eigene Brille wahr. Dessen Gläser sind gefärbt von den eigenen Erfahrungen, Vorlieben, usw., die es unmöglich machen, die Welt aus Sicht der anderen Person wahrzunehmen. Wir reden uns zwar manchmal ein, den anderen zu verstehen - in gewisser Weise stimmt das vielleicht auch. Aber in die Welt des anderen gänzlich einzutauchen, ist nicht möglich. Unsere Vorurteile und Vorlieben hindern uns daran.
Zwei Wege
Konflikte entstehen aus mehreren Gründen. Immer haben sie etwas mit der eigenen Welt zu tun. Je wichtiger uns ein Aspekt der eigenen Welt ist, umso grösser ist die Herausforderung. Nehmen wir Unterschiede wahr, kann verschiedenes passieren. Entweder reagieren wir mit Ablehnung und verteidigen unseren eigenen Standpunkt. Reflexion findet nicht statt; weder über die eigene noch über die andere Ansicht. Damit verhindern wir die Möglichkeit, unsere Welt zu erweitern und den Konflikt zu lösen.
Die Alternative besteht darin, über die andere Sichtweise nachzudenken und ihre Beweggründe zu untersuchen. Hier beginnt die Arbeit. Wir müssen dazu bereit sein, die gewohnten Bahnen zu verlassen und neue Wege zu begehen. Damit geht ein sich bewusst werden der eigenen Trampelpfade einher. Wir müssen den eigenen Weg erkennen, damit der Unterschied zum anderen klar wird. Zusammengefasst heisst das: Nachdem wir die eigene Welt verstanden haben, können wir die anderer erkennen, indem wir Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den beiden aufdecken.
Unangenehme Selbstreflexion
Die eigene Welt zu untersuchen, ist nicht immer leicht und ruft zuweilen Ablehnung in uns hervor. Es könnte ja sein, dass wir uns selber etwas vormachen und unser Gedankengebäude einzustürzen droht, sobald wir es genauer untersuchen. Wir müssten uns dann eingestehen, dass wir mit unserer Sichtweise falsch gelegen haben und eine andere besser ist. Anschiessend müssten wir uns an diese neue Sicht gewöhnen und die alte ablegen. Eine sehr unangenehme Sache!
Den eigenen Horizont zu erweitern bedeutet aber nicht, alles, was neu ist, gegen bisherig Akzeptiertes auszutauschen. Beim Vergleich der eigenen Welt mit der des anderen können wir auch zur Einsicht kommen, dass die eigene einem eher entspricht und wir bei ihr bleiben möchten. Aber wir können uns dann sagen: «Da gibt es Menschen, die eine andere Sicht der Dinge haben und für die stimmt diese persönliche Sichtweise». Damit erweitern wir unseren Horizont mit der Akzeptanz an eine weitere Möglichkeit. Aber auch das kann unangenehm sein. Denn manchmal müssen wir zur eigenen Sichtweise stehen und sie anderen erklären. Damit geben wir etwas von uns selber preis und setzen uns möglichen Angriffen aus.
Pfeil des Verrückten
Über die eigene Sicht und die anderer nachzudenken, braucht Energie. Haben wir uns erst einmal daran gewöhnt, entstehen daraus gewinnbringende Vorzüge. Der grosse Vorteil davon ist, dass wir mit Verständnis statt mit Ablehnung reagiert, sobald wir mit andersartigen Weltsichten konfrontiert werden. Das unterbindet zunächst einmal ein grosses Mass an Konflikt- und Gewaltpotenzial. Wenn der Pfeil auf uns zufliegt, weichen wir erst mal aus und untersuchen, woher er kommt. Zurückschiessen können wir immer noch. Vielleicht stellt sich heraus, dass der Pfeil nicht für uns bestimmt war oder dass er von einer verrückten Person abgeschossen wurde. In diesen Fällen wäre es dumm, gleich zurück zu schiessen. Sowohl der fehlgeleitete wie auch der aus Verrücktheit abgeschossene Pfeil hat nicht das Geringste mit uns zu tun.
Und selbst wenn eine böse Absicht von anderer Seite besteht, sollten wir erst einmal genauer hinsehen. Der Pfeil wurde ja deshalb abgeschossen, weil die Weltsicht des Schützen von der unsrigen abweicht. Wir selber haben hoffentlich erkannt, dass das nie und nimmer Grund genug sein kann, aufeinander loszugehen. Dass der andere das nicht genauso sieht, ist einerseits bedauerlich, darf aber andererseits nicht vorausgesetzt werden und schon gar nicht zur Eskalation führen.
Fruchtbare Konfrontation
Konflikte lassen sich nicht in allen Fällen vermeiden. Von Zeit zu Zeit ist es sogar angebracht, den anderen mit der eigenen Sichtweise direkt zu konfrontieren. Wir müssen ihm dann aber die Möglichkeit lassen, darüber nachzudenken und ihm entsprechend Zeit einräumen. So, wie wir es für uns auch wünschen, wenn wir mit schwer verdaulicher Kost zu kämpfen haben.
Dazu müssen wir aber erst auf unsere Sicht der Dinge hinweisen und sie erklären. Oder um auf das Beispiel ganz zu Beginn zurückzukommen: Wir hätten uns am Bach sitzend bemerkbar machen und andere davon überzeugen können, wie schön es hier ist. Wollten wir aber nicht, weil wir alleine sein wollten. Aber das ist ein anderes Thema …
In der «Da schau her»-Reihe bisher erschienen:
Klimaanlage
Zugabteil
Höflichkeit
Intelligenz
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