


Was geschieht, wenn wir uns von jemandem trennen? Warum bereitet es so grosse Mühe, den anderen loszulassen? Eine kleine Reflektion darüber könnte Anstoss zu eigenen Überlegungen sein.
Funktion oder Person?
Es besteht ein gewichtiger Unterschied, ob man etwas oder jemanden vermisst. Wenn uns beispielsweise die Gesellschaft von anderen Menschen im Allgemeinen fehlt, muss das nicht heißen, dass uns eine spezifische Person fehlt. Diesen Fehler begehen wir aber dann, wenn wir uns von jemandem trennen, mit dem wir unsere bisherige Zeit verbracht haben. Was zurückbleibt ist ein Vakuum, eine Abwesenheit der anderen Person, die eine Lücke hinterlässt. Natürlich nimmt diese Person auch all jene Eigenschaften mit, die zur Trennung geführt haben. Aber diese Tatsache blenden wir aus und konzentrieren uns nur auf diejenigen Aspekte, die angenehm waren und nun fehlen. Und auch dabei verallgemeinern wir: So fehlt uns beispielsweise jemand, mit dem wir ins Kino gehen oder ein Konzert besuchen wollen. Es ist diese Begleitung, die uns fehlt, jemand der diese Funktion ausübt und nicht so sehr eine spezifische Person. Und weil wir diesen Beschäftigungen bisher mit einer bestimmten Person gefolgt sind und diese nun nicht mehr da ist, fehlt uns diese Person. Denn diese Beschäftigungen waren bisher immer mit dieser einen Person eng verknüpft.
Person als Träger verschiedener Aspekte
Funktion und Person voneinander zu trennen ist nicht leicht. Denn wenn wir an eine Person denken, sehen wir sie stets als eine einheitliche Erscheinung. Wir sehen sie nicht als Träger verschiedener Eigenschaften, Funktionen und Intentionen. Genauer betrachtet ist sie das aber. Jede Person ist aus einer Vielzahl von Teilen zusammengesetzt, wovon der Aspekt, dass sie uns als Begleiter dienen kann, nur einer von vielen ist. Wenn die Person von uns weggeht, nimmt sie alle diese Aspekte mit sich mit. Vielleicht hat sie bisher die Wohnung geputzt, das Essen gekocht oder den Wasserhahn repariert. Diese Aspekte fehlen uns und wir müssen alle Aufgaben nun selber lösen. Mit dem Fernbleiben des Partners entfallen auch negative Aspekte; Ärger beim Frühstückstisch oder Uneinigkeit bei der Wahl des neuen Wohnzimmerschranks.
Lücken selber füllen
Ob uns nach der Trennung eher das eine fehlt oder wir froh sind, das andere los zu sein, hängt davon ab, wie geschickt wir darin sind, fehlende Aspekte zu kompensieren. Wenn wir kein Problem damit haben, all jene Arbeiten zu verrichten, die bisher vom Partner ausgeführt wurden – beispielsweise im Haushalt –, dann fehlen uns diese Aspekte weit weniger stark, als wenn wir Mühe damit haben, alle Aufgaben selber zu lösen. Oder wenn wir Freunde haben, die uns ins Theater oder uns auf Reisen begleiten, bereitet uns das Wegfallen der Begleitung durch einen Partner weniger Mühe, als wenn wir bisher all diese Dinge mit ihm unternommen haben. In manchen Fällen kann es auch vorkommen, dass das Gegenstück zum Streiten fehlt. Wenn wir bisher viel Zeit mit Auseinandersetzungen und Diskussionen mit unserem Partner verbracht haben, kann auch das eine unangenehme Lücke hinterlassen.
Neuverteilung der Aufgaben
Einfach gesagt: Trennen wir uns von einem Partner, dann scheidet damit eine Vielzahl von Aspekten, an die wir uns über eine gewisse Zeit gewöhnt haben. Alle diese müssen nun neu verteilt werden – entweder übernehmen wir sie selber, führen die Aufgaben alleine aus oder wir übertragen sie auf andere Personen. Jedes Mal, wenn wir an einem Punkt ankommen, wo wir diese Verteilung vornehmen müssen, werden wir mit dem bisherigen Träger des Aspekts konfrontiert, was mitunter Trauer und Verbitterung auslösen kann. Nach und nach schreitet jedoch diese Verteilung voran und damit nehmen die Situationen ab, in denen wir mit unserem bisherigen Partner konfrontiert werden. Irgendwann sind alle Aspekte, alle Funktionen verteilt und wir werden nur noch dann und wann unbeabsichtigt an unseren bisherigen Partner erinnert.
Funktion und Emotion
Natürlich gibt es neben der rein funktionalen Ebene noch die emotionale. Sie kommt meist dann zum Vorschein, wenn ein funktionaler Aspekt auf Neuverteilung wartet. Denn besonders in diesen Momenten werden wir mit der Tatsache konfrontiert, dass wir uns von jemandem getrennt haben, was starke Gefühle auslösen kann. Man mag die Art und Weise verstehen, wie das mit der Neuverteilung der Aufgaben vor sich geht. Das reine Verständnis davon wird einen jedoch nicht befriedigen. Gewohnheiten haben sich tief in unseren Geist eingegraben, die erst nach einiger Zeit gegen neue ausgetauscht werden können. Besonders das macht es so schwierig, mit den die Trennung begleitenden Gefühlen umzugehen.
In der «Da schau her»-Reihe bisher erschienen
Klimaanlage
Zugabteil
Höflichkeit
Intelligenz
Grenzen
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