


Für wen ist eine Entschuldigung wichtiger – den Übeltäter oder den Leidtragenden? Welche Chancen bieten Auseinandersetzungen generell? Und weshalb es dennoch sinnvoll ist, sich zu entschuldigen, auch wenn man damit zugefügtes Leid nicht ungeschehen machen kann. Eine Betrachtung in erster Linie aus Sicht des Täters.
Handlungen werden mit oder ohne konkrete Absicht ausgeführt. Solange Handlungen nur einen selbst betreffen und andere nicht tangieren, kann man tun und lassen was man will. Daneben gibt es solche, die direkte oder indirekte Auswirkungen auf andere haben. Entweder handfeste auf deren Körper oder weniger greifbare auf deren Geist. Aus den drei möglichen Arten von Handlungen – positiven, neutralen oder negativen – sind vor allem die Auswirkungen aus negativen Handlungen ein Problem. Antriebsfeder für sie ist leider oft nur der eigene Gewinn.
Die Handlungen sollen zu etwas führen, das erstrebenswert erscheint, wobei man schon mal in Kauf nimmt, dass andere darunter leiden. Auf dem Weg dorthin kreuzen sich Ansichten und daraus folgende Taten mit denen anderer, die etwas gegen die Handlungen und eventuell das Ziel haben. Die unmittelbaren oder langfristigen Folgen sind unangenehm für sie. Hier könnte man einwenden, dass jeder Betroffene selber Schuld an seinem Leid trägt. Ich möchte aber nicht die Frage der Schuld betrachten, sondern was geschieht, nachdem klar geworden ist, dass andere durch eigenes Handeln Leid davon getragen haben.
Wie reagieren als Täter?
Es ist also klar, dass man durch sein Handeln bei anderen Leid ausgelöst hat. Wenn der Täter davon erfährt, kann er zweierlei tun: Entweder sein Handeln rechtfertigen und den eigenen Standpunkt beibehalten oder sein Handeln hinterfragen und neu bewerten. Für die erste Variante entscheiden sich einerseits Hohlköpfe und anderseits solche, die von ihrem Handeln absolut überzeugt sind. Hohlköpfe haben kein Interesse daran, ihr Handeln zu hinterfragen; ihnen fehlt die Fähigkeit der Selbstreflexion. Diejenigen, die von ihrem Handeln absolut überzeugt sind, schätzen den eigenen Gewinn höher ein, als den Schaden, den andere erfahren.
Diesen gegenüber stehen Personen, die Selbstkritisch sind. Sie besitzen die Fähigkeit zur Selbstreflexion und haben den Wunsch, nicht auf Kosten anderer zu leben. Wenn ihnen bewusst wird, dass ihr Handeln bei anderen unangenehme Folgen gezeigt hat, werden sie nicht einfach den Kopf in den Sand stecken und versuchen, alles zu vergessen. Vielmehr werden sie sich fragen, wie es zu dieser Situation kommen konnte und wie sie sie bereinigen können.
Standpunkte
Nehmen wir der Einfachheit halber einen Fall, wo man jemanden gekrängt hat. Es ist also kein körperlicher Schaden entstanden sondern durch eigene Äusserungen hat man beim anderen ein gewisses Unwohlsein hervorgerufen. Zuerst wird man sich überlegen, aus welchem Antrieb man sich entsprechend verhalten hat. Man wird die eigenen Motive untersuchen und den erzielten Eigennutzen in Verhältnis zum Schaden beim anderen setzten. Im zweiten Schritt versucht man in die Haut des Leidtragenden zu schlüpfen, seine Ansichten und Wertvorstellungen anzunehmen und damit dessen Standpunkt einzunehmen. Dabei kann einem der andere unter Umständen behilflich sein.
Zwei Alternativen
Durch Gegenüberstellen der beiden Seiten erschliessen sich die Differenzen. Daraus ergeben sich zwei Möglichkeiten: Entweder hält man den eigenen Standpunkt bei oder man verlässt ihn und nimmt den des anderen ein. Die Folgen aus diesen beiden Wegen unterscheiden sich. Wenn man den eigenen Standpunkt beibehält, entscheidet man sich bewusst gegen die Ansichten des anderen. Und man akzeptiert nicht, dass die eigene Äusserungen Grund für ein Unwohlsein beim anderen sein können. Eine einfühlsame Person wird es damit aber nicht auf sich beruhen lassen. Sie wird der anderen Person zeigen, dass es ihr leid tut, dass unterschiedliche Ansichten zu diesem Unwohlsein geführt haben. Entschuldigen wird sie sich aber nicht.
Der andere Weg führt dahin, dass man den eigenen Standpunkt verlässt und den der anderen Person einnimmt. Damit geht die Akzeptanz einher, dass man im eigenen, bis anhin eingenommenen Standpunkt, einen Fehler sieht. Dem anderen gegenüber signalisiert man diese Erkenntnis damit, dass man sich ihm gegenüber entschuldigt. Man akzeptiert, dass das eigene Handeln berechtigter Grund für das Unwohlsein in ihm war.
Entschuldigung
Obwohl im Begriff «Entschuldigung» das Wort «Schuld» vorkommt, will man sich hier nicht einer Schuld entledigen. Schuldig ist nur der, der bewusst aus ungerechtfertigten Motiven heraus Schaden anderer in Kauf nimmt, um eigenen Gewinn zu erzielen. Wer aus eigener Redlichkeit heraus handelt und sich vor Ausführen der eigenen Handlung nicht bewusst ist, dass damit Schaden entstehen könnte, ist zwar unwissend aber nicht schuldig. Was aber wiederum keine Entschuldigung sein soll. Weshalb also die Entschuldigung? Sie markiert, dass man den eigenen Standpunkt überdacht hat und nun die Ansicht des Leidtragenden teilt. Sie steht auch für einen Erkenntnisgewinn, der aus der Auseinandersetzung mit dem zugefügten Leid hervorgegangen ist.
Zu hoffen ist jetzt, dass der Leidtragende die Entschuldigung akzeptiert. Damit kommt die Auseinandersetzung zu einem Abschluss. Der Status nach dem Konflikt ist wieder derselbe, wie vor der Konfrontation. Mit einem Unterschied: Derjenige, der dem anderen Leid zugefügt hat, hat an Erkenntnis dazu gewonnen. Er hat seine Sichtweise um die des anderen erweitert.
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