

Das Gefühl schleicht sich an und ist dann mit einem Mal da. Samstag- oder Sonntagmorgen überfällt es mich manchmal; ohne ersichtlichen Grund. Den Zustand könnte man mit «Abwesenheit von Absicht» umschreiben. Nennen wir ihn der Einfachheit halber «Zeit-Enzian». Es gibt keine Verabredung zum Kaffee und auch keinen Kunden, der übers Wochenende noch seinen Auftrag erledigt haben will. Oder es gibt all das, nur pickst es gegenwärtig nicht im Hinterkopf, flüstert höchstens leise aus der Agenda - aber zu wenig laut.
Ich habe Zeit, einen Zeit-Enzian. Es ist nicht so, dass er mit einem Schlag, mit grossem Getöse ins Bewusstsein einfällt. Es ist eher, wie einem langsam aber sicher klar wird, dass man Gefallen an jemandem findet. Es gibt Leute, zu denen fühlt man sich unmittelbar bei der ersten Begegnung hingezogen. Und dann gibt es die, die man erst mit der Zeit attraktiv findet. Wenn man es erst tut, fragt man sich, weshalb man sie vorher nicht beachtet hat. Die Schönheit erschliesst sich schleichend. Ist sie da, freut man sich darüber. Der Enzian ist nicht mehr bloss das unscheinbare Blümchen.
Der Unterschied besteht in der Halbwertszeit. Währendem die Freude an der entdeckten Schönheit einer Person längere Zeit anhalten kann, ist der Zeit-Enzian verhältnismässig flüchtig. Unweigerlich taucht die Frage auf: Was soll ich in der freien Zeit tun? Der Zeit-Enzian ist verblüht.
Ein gewisses Mass an Ratlosigkeit und Unentschlossenheit kennzeichnet solche Momente. Man ist auf nichts ausgerichtet, hat kein Ziel und fühlt sich in der Schwebe. Der Zeit-Enzian ist nicht durch Überlegungen herbeigeführt und kann dadurch auch nicht heraufbeschworen werden. Man erlebt ihn ganz einfach. Natürlich braucht er gewisse Umstände, die förderlich sind. Und auch Ursachen. Aber diese beiden sind nichts, das man im Hinblick auf den Wunsch, das Gefühl Zeit haben zu wollen, bewusst arrangieren kann. Der Enzian wächst vor sich hin und ist mit einem Mal da, poppt aus dem Boden. Man nimmt ihn wahr und ehe man sich’s versieht, ist er auch schon wieder verschwunden.
Heute Morgen hatte ich einen solchen Zeit-Enzian. Er hat vielleicht eine halbe Minuten gedauert, oder nicht mal. Wo er beginnt, kann ich nicht sagen. Vielleicht ist es ein Gefühl in der Magengegend oder ein Kribbeln im Nacken. Ist er erst mal da, dann ist er bald wieder weg. Festhalten kann man ihn nur für kurze Zeit. Solange, bis man sich entschieden hat. Absicht ist das Mittel, um den Zeit-Enzian zum Verblühen zu bringen.
Wenn ich es mir recht überlege, mag ich Enziane. Das Leben sollte öfters wie ein Zeit-Enzian sein.
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