Da schau her 0010 - das Ganze

Nachdenken ist nicht genug. Nachdenken ist zwar schon viel, definitiv aber nicht genug. Manchmal ist Nachdenken hinderlich, manchmal lebenswichtig. Nachdenken ist nicht nur auf geistiges Tun beschränkt. Es kann auch mit dem Körper geschehen.

Die Grenze zwischen geistigen und körperlichen Handlungen ist nicht scharf gezogen. Sie ist wie das Züngeln des Meerwassers, das je nach Gezeitenstand mehr oder weniger tief ins Landesinnere strömt. Jede Handlung wird vom Geist begleitet. Manchmal beobachtend, manchmal lenkend.

Dort wo Handlungen aus Erfahrung heraus geschehen, sind bewusste Gedanken wenig aktiv. Wer kreativ tätig ist, kennt diesen Vorgang. Zunächst wird das Handwerkszeug erlernt, das nach unzähligen Wiederholungen in Fleisch und Blut übergeht. Zu Beginn lenkt die Hand den Pinsel unter Aufbietung geistiger Aufmerksamkeit, wird der Fuss im Tanz in der richtigen Schrittfolge gesetzt. Der Körper muss zum Gedächtnis werden. Der Körper muss die Möglichkeiten als Vokabular speichern. Dass diese Arbeit notwendig ist, wird jeder Meister seines Metiers bestätigen. Es ist die Arbeit, die hinter dem Meisterwerk steckt, die aber zu rasch in Vergessenheit gerät. Sie scheint im Widerspruch zur Kraft des Kunstwerks zu stehen. Kunst soll erhaben sein, aus einer magischen Quelle entspringen. Da ist Arbeit fehl am Platz, die von einer Aura körperlichen Schweisses umgeben ist.

Wer die Schrittfolgen im Tanz beherrscht, die möglichen Bewegungsmuster erforscht hat, die der Körper zulässt, kann mit dem eigentlichen Tanz beginnen. Die Arbeit, das Forschen können endlich Früchte tragen. Das Körpergedächtnis ist bereit für die Unmittelbarkeit. Wenn es so etwas wie Magie in der Kreativität gibt, dann hier. Der Weg zwischen Absicht und Handlung ist auf ein Minimum zusammengeschrumpft, vielleicht sogar aufgehoben. Wer lenkt den Körper? Ist es der Körper selbst, ist es der Geist? Wer lenkt wen? Drängt das Land das herannahende Wasser zurück oder zieht sich das Wasser zurück? Fragen, die keiner Antworten bedürfen; denn was daraus entsteht, ist die Antwort. Und sie ist eine Vereinigung von Absicht und Körper. Das Ergebnis ist ein Sinnbild Körper gewordenen Geistes, Geist gewordenen Körpers - vielleicht sogar von Absichtslosigkeit?

Mann kann diesen Weg wählen, wo Geist durch einen bewussten Prozess zu Körper wird. Und natürlich führt das wieder zu neuen Erfahrungen, die ins Bewusstsein zurückdrängen. Das ist aber nur eine Hälfte der Wirklichkeit. Als Gegenstück dazu kann man auch den gegenläufigen Weg beschreiten, wo Körper zu Geist wird. Erfahrung aus Handeln wird erst im Nachhinein reflektiert. Es kann der Weg sein, der aus der Sackgasse führt. Es kann der Befreiungsschlag sein, wenn alles Nachdenken zu keinem Ergebnis führt. Mittel, wenn das Erfahrungskapital nicht genügt, um die Auswirkungen abzuschätzen. Alles Nachdenken ist müssig und schreit geradezu nach einer befreienden Handlung. Also tun, nicht nachdenken. So wird sich zeigen, was eine Daseinsberechtigung hat und was nicht.

Selbst in der Tätigkeit des Schreibens gibt es Momente, wo nicht klar ist, was dominanter ist: Absicht oder Handlung. Wenn das erste Wort gesetzt ist, sich weitere Glieder anfügen, führt das eine zum anderen. Worte als körpergewordene Gedanken. Gedanken, die durch den Schreibprozess Form gewinnen und erst so sichtbar werden, erst so bewusst werden.

Nicht nur Unbewusstes wird durch Handeln bewusst. Der Körper wird auch Geist, wenn äussere Bedingungen wirken. Überraschende Ereignisse, körperliche Erfahrungen zwingen Tatsachen offen und unmittelbar auf. Das lachende Gegenüber setzt ebenso Tatsachen wie das weinende Kind. Die Wirkung auf den eigenen Körper ist unmittelbar. Freude und Schrecken sind zunächst körperliche Wahrnehmungen, die erst danach zu Gedanken führen. Spontan sind Leute, die in solchen Fällen wenig Zeit mit Nachdenken verlieren. Sie handeln ohne Nachdenken - erwidern Freude mit Freude, Weinen mit Trost. Einzig der Nachdenkliche überlegt erst, was er tun will. Sein Zweifel macht ihm einen Strich durch die Rechnung. Er hindert ihn daran, auf der gleichen Ebene mit dem anderen zu kommunizieren. Nicht der Körper soll sprechen sondern der Geist. Er will erst seine eigene Position verstehen und sichern. Handeln würde demgegenüber Tatsachen schaffen, die sich nicht rückgängig machen lassen. Gedanken sind da weniger bedrohlich.

Ausserdem zeigt der Körper eine weitere Dimension des Daseins, die durch blosses Nachdenken nicht erschlossen werden kann. Er zeigt Grenzen des eigenen Fühlens auf; Unwohlsein oder gar Krankheit weisen darauf hin, dass Grenzen im Fühlen überschritten werden. Geistiger Schmerz schlägt sich im Fleisch nieder.

Wer sich nur aufs Nachdenken beschränkt, schliesst eine grossartige Möglichkeit aus, Dasein zu erfahren. Er reduziert die erfahrbare Welt auf das, was Denkbar ist. Und das ist niemals alles, was es wert ist zu erfahren. Denn Nachdenken ist nicht genug.

Widmung Liebe R. Dieser Text ist das unmittelbare Ergebnis unseres Beisammenseins. Er ist vor allem durch unsere gemeinsamen Erlebnisse, aber auch unsere wertvollen Gespräche entstanden. Das Ergebnis ist ein bleibender Wert, der nicht vergolten werden kann oder muss; er kann in jedem von uns den Raum einnehmen, den wir ihm zumessen wollen. Welche Bedeutung er für jeden von uns hat, kann nur in eigener Betrachtung ergründet werden; ebenso zu welchen Konsequenzen er führen soll.

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