Der Mann im Mantel

Wie jeden Morgen setzte er sich vor der Oper auf die Parkbank und beobachtete die vorbeispazierenden Leute. Heute trugen sie kurze Röcke, T-Shirts und kurze Hosen. Es war warm, ja heiß. Manche trugen offene Schuhe, Sandalen oder Flip-Flops, andere Turnschuhe mit weißen Socken und wieder andere Halbschuhe oder Slippers. Unter den Frauen gab es solche, die ärmellose Shirts trugen, wo bei den Schultern die BH-Träger durchblitzen. Das mochte er überhaupt nicht. Dann war es ihm schon lieber, wenn sie überhaupt keine BHs trugen. Die Männer mussten sich nicht mit solchen Fragen auseinandersetzen. Sie streiften einfach ein Hemd oder ein T-Shirt über. Da die Sonne schien, trugen die meisten Passanten Sonnenbrillen. Am praktischsten schienen dem Mann diejenigen Modelle, wo eine normale Brille mit einem Klipp ergänzt wurde. Da musste man nicht noch eine zusätzlich Brille für den Fall, dass die Sonne scheint, kaufen. Seit einiger Zeit waren wieder die Modelle Mode, wie sie in den Sechzigerjahren getragen wurden. Überdimensionierte Scheiben, die in Missverhältnis zur Kopfgröße standen. Auch die Ray Ban-Modelle waren beliebt. Und dann gab es noch diejenigen, die ohne Sonnenbrille, dafür mit einem Hut herumgingen.
Hie und da kläffte ein Hund. Sie waren seit einiger Zeit dazu verdammt, an Leinen gehalten zu werden. Ja manche mussten sogar einen Maulkorb tragen. Dabei schienen gerade diejenigen Hunde, die an kurzen Leinen gehalten wurden, die frechsten zu sein. Aber vielleicht täuschte sich der Mann da auch nur. Katzen waren keine zu sehen. Dafür hatte es Tauben, die auf dem Platz herumtrotteten. Sie pickten die Brotkrumen auf, die von den Leuten bei ihren Mittagspausen zurückgelassen wurden. Die Betrachtung der sinnlos herumjagenden Tauben machte den Mann ganz Sturm. Daher betrachtete er wieder die Leute. Die Oper war ein schönes Gebäude, mit goldigen Verzierungen. Nicht zuletzt deshalb kamen die Leute hierher, um sie fotografisch festzuhalten. Wenn sie wieder zuhause wären, in München, Dubrovnik oder Osaka, würden sie die Bilder herzeigen und sagen, hier war ich. Auch nicht viel sinnvoller als die Tätigkeit der Tauben, so schien es dem Mann. Der vor der Oper liegende Park hatte viele Grünflächen, die von Kieswegen durchzogen waren. Alles war akkurat hergerichtet. Die Wiesen waren sauber und die Wege staubten ganz natürlich. So, wie man es von Kieswegen erwarten konnte.
Da saß er also. Inmitten der vorbeiziehenden Leute, Tiere und Wolken. Deren Formen änderten sich im Laufe der Zeit. Aber sonst schien sich nicht viel zu ändern. Manchmal kam aus den Wolken etwas Regen, manchmal Schnee. Gerne hatte es der Mann, wenn die Wolken überhaupt nicht da waren. Und auch die Tiere öffneten von Zeit zu Zeit ihre Schleusen; nicht so die Leute. Da waren sie wieder, die Bienen. Woher sie kamen, war dem Mann immer ein Rätsel gewesen. Hier, in der Stadt? Jetzt im Spätsommer setzten sie sich auf Kuchenstücke, Trinkflaschen oder die Statuen vor der Oper. Sie unterschieden sich von Fliegen, die auch sonst da waren. Und der Mann selber? Er saß oft hier, hatte es sich zur Gewohnheit gemacht und trug immer denselben dunklen Mantel. Seinen Kopf schütze er mit einem Hut. Und seine Füße steckten in guten, englischen Schuhen. Er saß einfach da, im Mantel.
(Bild: Patrick Vent)

2 Antworten to “Der Mann im Mantel”


  1. 1 Ralf Stoffe

    …Er saß…

    Warum in der Vergangenheit? Kommt der alte Herr etwa nicht mehr, oder ist er gestorben?

    Bei mir in der Gegend gibt es auch so einen älteren Herr. Wenn ich früh in die Arbeit fahre, treffe ich den fast immer an der selben Stelle. Aber das komische ist, er sitzt immer auf einer Bank und schaut in den Wald… Obwohl da auch nur Bäume sind?!

    Ralf

  2. 2 Patrick

    Hallo Ralf

    Den Herrn habe ich kürzlich vor der Wiener Oper fotografiert. Wie oft er tatsächlich da sitzt, weiß ich nicht. Er hatte nicht wirklich etwas Trauriges; es war mehr die Situation, die etwas Trauriges hatte. Das schwingt wohl auch bei dem Mann mit, den du auf dem Arbeitsweg siehst, oder?

    Der Text ist mehr als kleine Erzählung zu sehen. Inspiriert dazu hat mich eine Bemerkung meiner Nichte bei der Betrachtung des Bildes. Währendem ich mich darüber gewundert habe, dass der Mann bei der Hitze im Mantel dasitzt und es als wunderliche Eigenheit ansah, hatte meine Nichte die Idee, dass er vielleicht nichts anderes zum Anziehen hätte. Er könnte ein armer Mann sein, der sich nichts anderes leisten kann.

    Wie oft kommt es nicht vor, dass wir bei der Betrachtung anderer irgendwelche Annahmen treffen, die grundfalsch sein können. Da muss ich mich auch immer wieder an der Nase nehmen, um nicht voreilig Schlüsse zu ziehen.

    Patrick

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