Da schau her 0011 - Lebenselixier

Die Einführung eines fest vorgegebenen Todeszeitpunkts hätte eine ungeahnte Wirkung auf unser Leben. Nehmen wir an, es wäre von Vornherein klar, wie lange das Leben dauern würde - der Einfachheit halber sollen es sechzig Jahre sein. Natürlich müsste es auch eine Garantie geben, dass man tatsächlich so lange leben würde, man also nicht irgendwie übers Ohr gehauen würde.

Sechzig Jahre; das wäre klar. Die Auswirkungen auf unser Denken und Handeln wären immens. Man würde danach streben, eine Arbeit, ein Projekt, was auch immer, zu Ende zu bringen. Kleine wie große Ziele hätten einen festen Bezugsrahmen, der vorgibt, wie viel Zeit noch übrig bleibt. Lern-, Entwicklungs-, Berufs- oder Beziehungsziele könnten festgelegt werden. Es gäbe einen Antrieb, diese Ziele erreichen zu wollen.

Wettlauf mit der Zeit
Solche Überlegungen sind natürlich nichts weiter als theoretische Spielereien und sie sollen schon gar nicht eine Aufforderung zum kollektiven Selbstmord sein. Vielmehr können sie zu einer Reihe von Überlegungen führen, die eventuell auf das eigene Leben Einfluss haben können. Dieses steht für das genaue Gegenteil einer fest planbaren Größe. Weder der genaue Beginn (einmal abgesehen von künstlich eingeleiteten Geburten aller Art) noch das Ende eines Lebens sind für uns direkt wahrnehmbar und zeitlich bestimmbare Größen. Einmal auf der Welt, beginnt der Wettlauf mit der Zeit. Der Todeszeitpunkt wird von diesem Moment an unaufhaltsam auf uns zustürzen. Weil wir nicht wissen, wann wir sterben, planen wir den Tod auch nicht wirklich in unserem Terminkalender ein. Und dementsprechend verhalten wir uns. Vage rechnen wir damit, noch bestimmt eine gewisse Zeit zu leben. Daher ist es auch möglich, bestimmte Dinge aufzuschieben. Zeit wäre ja später noch genug, um sie zu erledigen.

Bedauern
Wer Sterbende fragt, ob sie ihren nahenden Tod bedauern würden, wird zweierlei Antworten erhalten: Die einen werden ihn nicht bedauern, weil sie ein erfülltes Leben hatten. Was ihnen wichtig war, haben sie erlebt und zu einem guten Ende gebracht; die offenen Rechnungen bezahlt. Die anderen werden ihr baldiges Ende bedauern, weil sie nicht all das erlebt haben, was sie sich gewünscht hatten. Es gibt für sie noch unerledigte Dinge, die sie nicht so ohne weiteres zurücklassen wollen. Personen, die aufgrund einer unheilbaren Krankheit zumindest noch eine gewisse Zeit leben können, wollen ihre noch verbleibenden Zeit «sinnvoll» nutzen. Sie wollen die Dinge tun, die sie schon immer tun wollten, sich dafür aber die Zeit nie genommen hatten. Sie wollen gegen die Frustration ankämpfen, nicht zu Lebzeiten getan zu haben, was ihnen wirklich am Herzen gelegen hat.

Alternative
Das müsste nicht sein. Wäre das Bewusstsein vorhanden, dass der eigene Tod zu jedem Zeitpunkt und und überall eintreten könnte, würden die wichtigen Dinge im Leben nicht aufgeschoben. Man würde sie nicht für später aufbewahren, weil man sich im klaren darüber wäre, dass es dann vielleicht schon zu späte sein könnte. Dem Rennen gegen den Tod kann man nur mit einem Mittel entgegentreten: Leben. Die Dinge unmittelbar tun, die einem wichtig sind. Und nicht nur über Dinge nachdenken, sondern sie auch tatsächlich in die Tat umsetzen.

Auch die Vergangenheit wäre eine weniger große Last. Wenn man Beispielsweise die Ursachen eines Fehlers erkannt hat, würde man nicht in Selbstmitleid oder Untätigkeit verharren, sondern seine Lehren daraus ziehen und sein eigenes Verhalten oder die Lebensumstände ändern. Die Zeit zum Trübsal blasen wäre zu kostbar. Und man würde den Tatsachen mehr Beachtung schenken, anstatt sich von trügerischen Vorstellungen täuschen zu lassen.

Kirschblüten
In Japan gibt es die Tradition, im Frühjahr blühende Kirschbäume zu bewundern. Kirschblüten sind Sinnbild der Flüchtigkeit jeden Moments. Entweder greift man die Möglichkeit beim Schopf, sich die Blüten anzusehen oder man hat die Chance verpasst. Das voranschreitende Leben kennt kein Wiederbringen vergangener Stunden. Also warum nicht gerade jetzt das sagen oder tun, wonach einem schon lange ist? Weshalb den Moment aufschieben? Vielleicht verpasst man sonst die Gelegenheit, es je tun zu können.

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